Identifikation von Schwachstellen in der Banksteuerung bei Zinsanstiegen
Ziel dieses kurzen Artikels ist es nicht, den Fall SVB aufzuarbeiten bzw. Vergleiche zu anderen Marktteilnehmern herzustellen. Letztlich sind Zins- und Liquiditätsrisiken in Bankbüchern immer sehr spezifisch zu betrachten. Pauschalierende Aussagen, die auf ganze Bankengruppen abzielen, müssen immer zu falschen Schlüssen führen. Vielmehr möchten wir anregen, die Komplexität des Themas nicht zu unterschätzen. Die Implikationen aus den jüngsten und weiter zu erwartenden Zinsanstiegen berühren beinahe alle Bereiche der Banksteuerung.
In den folgenden Abschnitten möchten wir kurz und prägnant ein Analyseraster vorstellen, das wir in den letzten Wochen und Monaten in vielen Instituten aus den verschiedensten Bankengruppen angewandt haben. Schwachstellen in der Steuerung konnten damit identifiziert und behoben werden. In einzelnen Fällen wurden sogar Ergebnispotenziale gefunden.
In vier Steuerungsbereichen sollte die eigene Positionierung jetzt hinterfragt werden:
- Treasury/ALM
- Vertriebssteuerung und Pricing
- Internes Risikocontrolling
- Accounting und regulatorische Anforderungen
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Analyseraster für die Banksteuerung der Institute
Im Folgenden möchten wir erste Anregungen zu diesen vier zentralen Analysefeldern geben und abschließend vorschlagen, das Thema gesamthaft zu betrachten, da die jeweiligen Fragestellungen eng miteinander verwoben sind und zum Teil auch Abhängigkeiten untereinander aufweisen.
I) Treasury/ALM
Im Bereich „Treasury/ALM“ wird erneut zu bewerten sein, welches Ausmaß von Fristentransformation aus Zins- und Liquiditätsperspektive zu einem adäquaten Risiko-Rendite-Profil führt. Gleichermaßen wird im Sinne eines ganzheitlichen Bilanzmanagements auch der Frage nachzugehen sein, inwieweit Funding- und Assetmix nicht gegebenenfalls doch zu wenig diversifiziert sind.
II) Vertriebssteuerung und Pricing
Im Zuge der lang anhaltenden Niedrigzinsphase wurden im Vertrieb oftmals lang laufende Hypothekenkredite bevorzugt und Einlagen zum Teil als Belastung für das Zinsergebnis gesehen. Diese Situation hat sich mit der Zinswende um 180 Grad gedreht. Der Kampf um die Kundeneinlagen ist erneut entbrannt, und die lang laufenden Kredite werden zukünftig eher zu einer Belastung. Das Einlagengeschäft ist wieder zum Ertragstreiber geworden, bleibt aber gleichzeitig in vielen Häusern eine Achillesferse, wie nicht zuletzt der Fall SVB zeigte.
Modellannahmen zum Zinsanpassungsverhalten bei Aktiva und Passiva, d. h. Zinselastizitäten, sind ebenso auf den Prüfstand zu stellen wie Hypothesen zu Bodensätzen bzw. Volumenverschiebungen. Vertriebsstrategien sind gegebenenfalls anzupassen, genauso wie die interne Vergütung für Produktarten, d. h. das Funds Transfer Pricing.
III) Internes Risikocontrolling
Zweifelsohne sollte die gestiegene Volatilität an den Märkten im Zusammenspiel mit zu erwartenden Bilanzvolumenverschiebungen zu der Notwendigkeit einer Neubewertung der Bedeutung der Transformationsrisiken aus Perspektive der internen Risiko- und Kontrollgremien führen. Einerseits werden eventuell grundlegende Anpassungen in der Risikostrategie und dem Risikoappetit vorzunehmen sein. In vielen Häusern sind durch den Zinsanstieg stille Reserven fast vollständig aufgebraucht.
Die Ausgangssituation zur Absorption weiterer Schocks stellt sich damit nachhaltig anders dar als noch vor einem Jahr. Andererseits werden einzelne Institute auch erneut in die eigene Infrastruktur investieren müssen. So hat das Ausbleiben von Risikofällen in den letzten Jahren in einigen Häusern zu einem Investitionsstau in Bezug auf Menschen und IT geführt, sodass heute die schnellen Szenarioanalysen bzw. die umfassende Bewertung der Modellrisiken, die so dringend erforderlich wären, nicht möglich sind.
IV) Accounting und regulatorische Anforderungen
In Abhängigkeit vom jeweils angelegten Accounting-Standard ist zeitnah zu prüfen, welche Implikationen sich für die GuV ergeben, wenn Zinsen bzw. Volumina sich verändern. Im Zentrum der Diskussionen stehen hier aktuell die Themen „Hedge Accounting“ und „Bewertung des Anlagebuchs“. Gerade bei stark steigenden Zinsen oder disjunkter Zins- und Liquiditätstransformation kann es schnell zu signifikant erhöhter GuV-Volatilität kommen.
In ähnlicher Art und Weise ist verstärkt zu prüfen, ob die aktuelle Positionierung bzw. die geplanten Anpassungen in den aufsichtsrechtlichen Rahmen passen. Dabei sind gewisse Unschärfen aktuell noch nicht vollständig zu beheben. Während die Messung von LCR und NSFR eindeutig erfolgen kann, sind die Vorgaben für den NII-Stresstest bzw. die periodische Ausreißerberechnung noch nicht final und im Fluss.
Wesentlich für die Einordnung bleibt die Gesamtbanksicht
Eine Delegation der Verantwortung zur Überprüfung dieser und weiterer Fragestellungen in die einzelnen Fachbereiche führt im besten Fall zu partiellen Antworten, die sich dann aber aus Gesamtbanksicht gegebenenfalls nicht umsetzen lassen. Aus unserer Erfahrung bietet es sich vielmehr an, eine übergreifende Gesamtbankperspektive einzunehmen und den Status quo anhand einer praxiserprobten Checkliste aufzunehmen. Aus dieser Bestandsaufnahme lassen sich anschließend die möglicherweise notwendigen Anpassungen und Managemententscheidungen effizient sowie objektiv ableiten.
Sicherlich kann dieser Kurzbeitrag nicht alle relevanten Facetten des Themas umfassend beleuchten. Für Diskussionen und weiterführende Gespräche stehen die Autoren jederzeit gerne zur Verfügung.